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14.10.2021

Hauptsache: Innovation!?

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Armin Schneider

Man könnte meinen, nur noch Innovationen bewegten die Welt: Von innovationsfreundlichem Klima ist die Rede, von Innovationsschüben, von Entrepreneurship, das Innovationen im Sozialen hervorbringt. Bei einem genaueren Blick auf Innovationen lassen sich mindestens zwei Feststellungen treffen: Ob eine Erfindung, eine Erneuerung tatsächlich zu einer Innovation wird, lässt sich meist erst mit einem gehörigen (zeitlichen) Abstand treffend beurteilen. Zweitens: Nur auf Innovationen zu sehen entwertet all das Alltägliche, das Gewöhnliche, das Beständige.

Ressourcen für den Alltag der Sozialwirtschaft bewahren

Gerade in der Sozialwirtschaft – ob in der Sozialen Arbeit oder im Gesundheitswesen – spielt der Gedanke der Sorge, des „Umeinanderkümmerns“, des tagtäglichen Einsatzes für Kinder, Jugendliche, in der Pflege, in der Arbeit mit behinderten, alten und kranken Menschen eine weitaus größere Rolle (auch in der Kategorie der Wertschöpfung) als die (zugegeben) wenigen Innovationen und neuen Ansätze. Neben den lautstarken Innovationsrufen scheint es wichtig, den Alltag im Blick zu behalten und für diesen Ressourcen vorzuhalten. Gerade wenn diese Arbeit gut gemacht wird, nahe am Menschen ist, dann zeigen sich „an der Basis“ auch Notwendigkeiten der Veränderungen, der Neuerungen fernab von irgendwelchen Laboren oder technischen Entwicklungsabteilungen. Bedarfe und Bedürfnisse von Menschen lassen sich selten steril entwickeln, sondern sind auf das Mittun, auf die Teilhabe von Menschen angewiesen.

Zweifelsohne macht Routine blind für Neuerungen, daher muss im Alltag regelmäßig ein Schritt zurück gegangen werden, um die Welt mit etwas Abstand zu betrachten und mit anderen Augen auf die Arbeit zu blicken. Ob das dann die vielbeschworenen Innovationen werden, lässt sich, wie gesagt, erst später sagen. Aber manch kleine Veränderung kann das Leben für die Menschen einfacher, unbeschwerter und damit besser machen. Es lohnt, auch hier auf die Details zu sehen. Dies bedarf einer Kultur des Hinsehens, des Innehaltens und der kontinuierlichen Beobachtungen der unterschiedlichen Lebenswelten im Sozial- und Gesundheitssektor.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte

Für manchen Entscheidungsträger bei Trägern, in der Politik und in Organisationen ist die ständige Suche nach Innovationen auch eine Flucht aus dem Alltag, aus der Realität, die blind macht und anstelle von Kontinuität und Verlässlichkeit wertvolle Ressourcen abzieht für ein ungewisses Experimentieren. So wichtig wie Projekte sind, so wichtig ist aber auch die Sorge um den Alltag, der nicht zugunsten einer Projektitis an den Rand gestellt werden darf.

Während die einen gerne das antike Zitat von Heraklit „alles fließt“ im Sinne von einem ständigen Wandel und einer permanenten Veränderung bemühen, kann auch das biblische Zitat „es gibt nichts Neues unter der Sonne“ (Buch Kohelet) bemüht werden, das meint, nicht alles muss verändert werden. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, zwischen beiden Extremen: Veränderungen und Innovationen sind wichtig, dürfen aber nicht den Blick auf Bewährtes und den Alltag verstellen. Aber nicht alles, was sich bewährt hat, taugt auch für die Zukunft. Allein die Tradition ist noch kein Argument, alles beim Alten zu lassen. Genauso wenig kann der Ruf nach Innovation dazu führen, nicht auch gute Routinen beizubehalten. Die Kunst liegt darin, zwischen notwendige Neuerungen und bleibenden Dingen zu unterscheiden. Aber auch dies geht nicht, ohne eine Kultur zu schaffen, die sich kritisch sowohl mit dem Alten als auch mit dem Neuen auseinandersetzt und dies immer am Zweck der Organisation ausrichtet.


Prof. Dr. Armin Schneider, Hochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwissenschaften
Direktor des Institutes für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit | Rheinland-Pfalz (IBEB), Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften, Mitherausgeber der Blauen Reihe