07.09.2021

Krisenfest und aussichtsreich – Ein Risikomanagement-System für sozialwirtschaftliche Unternehmen

Veränderungsprozesse stellen sozialwirtschaftliche Unternehmen vor große Herausforderungen im Risikomanagement. Eine Gruppe Studierender des Masterstudiengangs „Gesundheits-, Sozial- und Public Management“ an der Fachhochschule Oberösterreich Campus Linz hat eine Studie zur Krisenfestigkeit oberösterreichischer Sozialunternehmen durchgeführt.

Ausgangslage

Sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich (OÖ) müssen sowohl den internen als auch externen Veränderungsprozessen standhalten. Bei der Herausforderung, der Mission treu zu bleiben und den öffentlichen Auftrag zu erfüllen, ist es oft schwierig, noch Ressourcen für betriebswirtschaftliche Bereiche wie etwa das Risikomanagement aufzubringen. Eine Gruppe Studierender des Masterstudiengangs „Gesundheits-, Sozial- und Public Management“ (Georg Egger, Gerald Feldhammer, Silke Katzenschläger, David Klingbacher, Andres Pennetzdorfer, Teresa Schreiber, Bernadette Vierlinger, Claudia Zobl) führte im Auftrag des Departments Gesundheits-, Sozial- und Public Management der Fachhochschule Oberösterreich Campus Linz eine Studie zur Krisenfestigkeit oberösterreichischer Sozialunternehmen durch.

Zielsetzung des Forschungsprojekts

Es wurden folgende Ziele für das Forschungsprojekt festgelegt:

  • Identifikation und Analyse der Risiken für sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich
  • Erstellung einer Risk-Map für die Sozialwirtschaft
  • Expert*inneninterviews und Online-Umfrage unter oö. Sozialunternehmen zu ihren Risiken, Gefahren und Chancen
  • Skizzierung eines Risikomanagement-Systems für sozialwirtschaftliche Unternehmen
  • Entwicklung von Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Chancen und Risiken

Vorgehensweise

Auf Basis der Ergebnisse von acht leitfadengestützten Expert*inneninterviews wurde eine Online-Umfrage für sozialwirtschaftliche Unternehmen erstellt. 700 Organisationen wurden angefragt und zu ihrer Krisenfestigkeit und zum Risikomanagement befragt. Die Rücklaufquote beträgt zwölf Prozent. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden eine Risk-Map sowie ein Risikomanagement-System für sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich skizziert. Als Analyseinstrumente wurden eine SWOT-, eine PESTEL- und eine spezifische Nutzwertanalyse eingesetzt und darauf aufbauend ein anwendungsorientierter Risikomanagement-Implementierungs-Workshop entwickelt. Darüber hinaus wurden Handlungsempfehlungen inklusive der dafür notwendigen Tools für sozialwirtschaftliche Unternehmen in Oberösterreich zum professionellen Umgang mit Risiken erarbeitet.

Ergebnisse aus der qualitativen und quantitativen Datenerhebung

Die großen Risiken der Sozialwirtschaft drehen sich weitgehend um Personalangelegenheiten (Fachkräfte- und genereller Personalmangel sowie Personalausfälle). Diese Erkenntnis ergab sich bereits aus den Expert*inneninterviews und wurde in der darauffolgenden Online-Umfrage bestätigt. Des Weiteren ist in sozialwirtschaftlichen Unternehmen sehr oft keine eigene Stelle für das Risikomanagement implementiert. Die häufigsten Gründe dafür sind fehlende finanzielle Ressourcen und mangelndes Know-how. Die Hauptverantwortung, Risiken zu erkennen und zu bewältigen, obliegt somit häufig der Managementebene.

Bei der Nutzung von Methoden zur Risikobewertung zeigte sich folgendes Bild (eigene Darstellung):

Abbildung 1: Nutzung von Methoden zur Risikobewertung (eigene Darstellung)

Demnach bedient sich die Mehrheit der befragten Organisationen am häufigsten der Workshop-Methode zur Risikobewertung. Workshops bieten sich für diesen Zweck besonders an, wie die empirischen Ergebnisse zeigen. Am seltensten werden die PESTEL-Analyse und Kreativitätstechniken genutzt.

Die folgende Risk-Map gibt einen Überblick über alle ausgewerteten Risiken nach Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit der Sozialwirtschaft in OÖ auf Basis der Online-Umfrage.

Abbildung 2: Risk-Map der Sozialwirtschaft OÖ (eigene Darstellung)

Neben den Personalthemen werden auch geänderte politische Rahmenbedingungen sowie eine Pandemie in der Risikoeinstufung als sehr wahrscheinlich bewertet. Aus der Pandemie gingen auch Chancen für Entwicklungen, einschließlich eines gestärkten Bewusstseins für Risikoplanung, hervor. Bereits vor der Pandemie schätzte sich der Großteil der befragten Organisationen krisenfest ein. Rund 30 Prozent gaben an, sehr krisenfest zu sein, und 65 Prozent eher krisenfest. Zum Befragungszeitpunkt, einem Jahr seit Beginn der Pandemie, stieg diese Einschätzung noch etwas nach oben: Nun sagen nämlich 41 Prozent der Organisationen, dass sie sehr krisenfest sind und rund 55 Prozent schätzen sich eher krisenfest ein. Das ist ein Beispiel dafür, dass Risiken auch Chancen mit sich bringen können.

Die Skizze eines Risikomanagement-Systems für die Sozialwirtschaft zeigt sich folgendermaßen:

Abbildung 3: Ein Risikomanagement-System für Unternehmen in der Sozialwirtschaft (eigene Darstellung in Anlehnung an Brühwiler, 2016, S. 189)

Handlungsempfehlungen

Auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen des Projekts wurden abschließend 18 Handlungsempfehlungen für sozialwirtschaftliche Unternehmen in OÖ formuliert. Diese thematisieren relevante Risikobereiche und sollen als Denkanstöße zu deren Bewältigung dienen. Weiter sollen die Handlungsempfehlungen bestmöglich für alle Unternehmen in der oö. Sozialwirtschaft angewendet werden können und sind deshalb auch entsprechend allgemein gehalten. Die folgende Abbildung zeigt einen Überblick über die erarbeiteten Handlungsempfehlungen.

Abbildung 4: Übersicht der Handlungsempfehlungen (eigene Darstellung)

Neben vermeintlich „einfachen” Handlungsempfehlungen wie der Beachtung von Wissensmanagement und dem Einführen einer entsprechenden Risikokultur in der Unternehmung wird der Bogen gespannt zu einem möglichst ressourcenschonenden Risikomanagement durch effiziente Nutzung von vorhandenen Strukturen hin zur Ausarbeitung und Auswertung von entsprechenden Kennzahlen und Indikatoren. Beispielhaft sei hier die Handlungsempfehlung zu einem Personal-Pool angeführt:

Einrichten eines oberösterreichweiten Personal-Pools für die Sozialwirtschaft
BESCHREIBUNG: Aufbau eines oberösterreichweiten Mitarbeiter*innenpools im Sinne von „Verleihen von Mitarbeitern – Nachbarschaftshilfe“ im Sozialbereich
NOTWENDIGKEIT:

In Krisenzeiten oder bei plötzlich auftretenden hohen Personalausfällen könnten sich die sozialwirtschaftlichen Unternehmen gegenseitig mit „Leihpersonal“ unterstützen. Mithilfe eines bereits zuvor aufgebauten Personal-Pools mit Fach- und Hilfskräften aus der Sozialwirtschaft haben Unternehmen die Möglichkeit, nachzusehen, welche Organisationen bereit sind, qualifiziertes Personal zu verleihen und welche Mitarbeiter*innen verfügbar sind.

EINZULEITENDE MASSNAHMEN bzw. CHECK POINTS:
  • Bei „Nachbarschaftshilfe“ keine Gewerbeberechtigung zur Arbeitskräfteüberlassung notwendig
  • Voraussetzungen: max. sechs Monate dauernde Überlassung von Arbeitskräften
  • Unternehmen (Beschäftiger) muss die gleiche Erwerbstätigkeit wie der Überlasser ausüben.
  • Der Aspekt der gleichen Erwerbstätigkeit wird sehr eng ausgelegt.
  • Für die Grenze der sechs Monate (pro Kalenderjahr) werden die Zeiten des Verleihens mehrerer Arbeitnehmer*innen summiert.
  • Die Rahmenbedingungen der Überlassung zwischen den Beteiligten muss in einer vertraglichen Vereinbarung festgehalten werden.
  • Das Verleihen von Arbeitskräften an Dritte wird grundsätzlich als gewerbliche Tätigkeit eingestuft, aufgrund dessen sieht das AÜG (Arbeitskräfteüberlassungsgesetz) auch bei der „Nachbarschaftshilfe“ vor, dass die Überlassung schriftlich an die Gewerbebehörde gemeldet werden muss (vgl. Pürsinger, 2021, o. S.).
  • Errichtung einer Plattform für die Sozialwirtschaft (ähnlich wie die Sozialplattform Oberösterreich), in welcher Unternehmen die zuvor befragten und gewillten Mitarbeiter*innen listen, welche in Krisenzeiten anderen Unternehmen aushelfen könnten
  • Regelmäßige Aktualisierung dieser Plattform bzw. dieses Mitarbeiter*innenpools von den dafür Verantwortlichen
  • Eventuell Umsetzung in einem eigenen Projekt der Sozialabteilung des Landes Oberösterreich

Tabelle 1: Einrichten eines oberösterreichweiten Personalpools (eigene Darstellung)

Um die Handlungsempfehlungen auch dementsprechend umsetzen zu können, wurden darüber hinaus verschiedene Tools entwickelt und zur Verfügung gestellt. Damit soll den sozialwirtschaftlichen Unternehmen in Oberösterreich der Weg zu einem erfolgreichen Risikomanagement erleichtert werden. So wurde ein Leitfaden zur Implementierung eines Risikomanagement-Workshops konzipiert:

Abbildung 5: Risikomanagementimplementierungsworkshop-Leitfaden (eigene Darstellung)

Jedes Risiko birgt auch eine Chance und in diesem Sinne bergen die vorliegenden Ergebnisse und Tools einen hohen Nutzen für die Identifikation und Bewältigung von Risiken in der Sozialwirtschaft.


Literatur (Auszug):

Brauweiler, Hans-Christian (2019): Risikomanagement in Unternehmen. Ein grundlegender Überblick für die Management-Praxis, 2. Aufl., Wiesbaden: Springer Gabler.

Brühwiler, Bruno (2016): Risikomanagement als Führungsaufgabe. Umsetzung bei strategischen Entscheidungen und operationellen Prozessen, 4. Aufl., Bern: Haupt Verlag.

Bundesministerium des Innern/Bundesverwaltungsamt (2018): Handbuch für Organisationsuntersuchungen und Personalbedarfsermittlung, Berlin: Bundesministerium des Innern.

Müller, Stefan/Müller, Sarah (2020): Unternehmenscontrolling. Managementunterstützung bei Erfolgs-, Finanz-, Risiko- und Erfolgspotenzialsteuerung, 3. Aufl., Wiesbaden: Springer Gabler.

Stötzer, Sandra/Gitterle, Birgit/Witak, Doris (2018): Risikomanagement in sozialen Nonprofit Organisationen. In: Zeitschrift für öffentliche und gemeinwirtschaftliche Unternehmen, 41. Jg. 1-2/2018, S. 21-40


Prof. Mag. Dr. Thomas Prinz lehrt an der Fachhochschule Linz, Department Gesundheits-, Sozial- und Public Management Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Controlling und Finanzierung sowie Risikomanagement, Performance Measurement und Social Business Planning. Zudem ist Prof. Prinz wissenschaftlicher Leiter des Masterlehrganges Management Sozialer Innovationen in Wien und Leiter des Zertifikatlehrganges NPO-Controlling in Linz. Als Unternehmensberater begleitet er soziale Organisationen beim Aufbau des Wirkungscontrollings und sozialökonomischen Wirkungsanalysen. Seine Forschungsschwerpunkte bewegen sich in den Bereichen Wirkungsmessung sozialer Dienstleistungen, wirkungsorientierte Prozesskostenrechnung, sozialökonomische Wirkungsevaluation und NPO-Controlling. Prof. Dr. Prinz ist Mitherausgeber der Blauen Reihe „Management Soziales & Gesundheit“.

Bernadette Vierlinger, Jahrgang 1983, hat Sozial- und Verwaltungsmanagement in Linz studiert und absolviert derzeit den Masterstudiengang Public-Management an der Fachhochschule Linz. Sie hat Erfahrung im mittleren Management des öffentlichen sowie privatwirtschaftlichen Sektors. Seit Februar 2020 arbeitet sie in einer Berufsschule als Professorin für betriebswirtschaftliche Gegenstände, Politische Bildung und Sprachen und hat im Herbst 2020 ihr eigenes Unternehmen gegründet. Durch ihre 20-jährige umfangreiche Berufspraxis konnte sie zum vorliegenden Projekt einen wesentlichen Beitrag leisten.