10.09.2026

„Leitung ist das aktive Gestalten von Organisation“

Die professionelle Leitung einer Kindertageseinrichtung ist eine zentrale Voraussetzung für die Qualität frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung. Doch die Anforderungen an KiTa-Leitungen sind in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Fokus Sozialmanagement hat mit Prof. Dr. Nico Sturm, Leiter des Studiengangs Sozialmanagement an der Internationalen Hochschule (IU) darüber gesprochen, was professionelle KiTa-Leitung heute ausmacht, vor welchen Herausforderungen Führungskräfte stehen und warum Leitung weit mehr ist als Organisation.

Herr Prof. Sturm: Warum kommt der professionellen Leitung einer Kindertageseinrichtung eine so große Bedeutung zu?
Nico Sturm: KiTa-Leitungen bewegen sich heute in einem anspruchsvollen Spannungsfeld: Sie tragen Verantwortung für die pädagogische Qualität, führen Mitarbeitende, gestalten die Zusammenarbeit mit Eltern, vertreten die Einrichtung nach außen und kooperieren mit Trägern, Behörden und weiteren Partnern. Gleichzeitig müssen sie rechtliche Vorgaben berücksichtigen, Ressourcen verantwortungsvoll einsetzen und auch in komplexen oder widersprüchlichen Situationen handlungsfähig bleiben.

Häufig wird KiTa-Leitung vor allem mit Organisation und Administration verbunden. Greift dieses Verständnis zu kurz?
Nico Sturm: Ja. KiTa-Leitung umfasst weit mehr als administrative Aufgaben oder die Organisation des pädagogischen Alltags. Sie ist eine eigenständige professionelle Aufgabe, die spezifisches Wissen, geeignete Instrumente und regelmäßige Reflexion erfordert. Viele Leitungskräfte bringen eine hohe pädagogische Expertise und umfangreiche Berufserfahrung mit. Auf die spezifischen Anforderungen von Management, Steuerung und Organisationsentwicklung werden sie dagegen häufig nur begrenzt systematisch vorbereitet. Das ist weniger als individuelles Defizit zu verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck eines Berufsfeldes, dessen Anforderungen sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert und ausdifferenziert haben.

Was bedeutet Leitung in diesem professionellen Verständnis konkret?
Nico Sturm: Leitung ist das aktive Gestalten von Organisation. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie KiTa-Leitungen unter den gegebenen Rahmenbedingungen Orientierung schaffen, Entscheidungen treffen, Entwicklungen anstoßen und unterschiedliche Interessen miteinander verbinden können.

Warum ist es dabei wichtig, die KiTa als komplexe Organisation zu verstehen?
Nico Sturm: KiTas sind in ein komplexes Geflecht aus gesetzlichen Vorgaben, politischen Rahmenbedingungen, Trägerinteressen, Elternperspektiven, Teamdynamiken und pädagogischen Ansprüchen eingebunden. Leitung bedeutet vor diesem Hintergrund, mit Rahmenbedingungen umzugehen, die nur teilweise steuerbar sind. Entscheidend ist, relevante Einflussmöglichkeiten zu erkennen und die Entwicklung der Organisation über geeignete Strukturen, Routinen, Kommunikation und Entscheidungen gezielt zu gestalten.

Welche Aufgabenfelder müssen KiTa-Leitungen im Blick behalten?
Nico Sturm: Das sind eine Menge. Das beginnt bei der pädagogischen Konzeption und der Weiterentwicklung der Einrichtung bis hin zu Qualitätsmanagement, Kinderschutz sowie der Gestaltung von Übergängen, etwa von der KiTa in die Grundschule. Dann natürlich Fragen der Personalgewinnung und -entwicklung, der Teamführung, der Konfliktbearbeitung und des On- und Offboardings. Darüber hinaus müssen die organisatorischen und rechtlichen Grundlagen des Einrichtungsbetriebs betrachtet werden. Dazu gehören Finanzen, Verwaltung und Digitalisierung und natürlich die Zusammenarbeit mit Eltern, Trägern, Behörden und externen Fachstellen.

Bei all diesen Anforderungen – welche Rolle spielt die Leitungskraft selbst und wie kann sie auch in stressigen Zeiten mit den Ansprüchen umgehen?
Nico Sturm: Die Leitungskraft muss sich selbst in den Blick nehmen. Eine gute Zeitorganisation, Führungsreflexion, Methoden der Stressbewältigung und Resilienz sind wichtige Voraussetzungen dafür, die vielfältigen Anforderungen dauerhaft professionell bewältigen zu können. Und sie muss sich gegebenenfalls Unterstützung holen, bzw. diese beim Träger einfordern, wenn die Aufgaben zu viel werden.

Vielen Dank für das Gespräch!