Zukunft der Sozialwirtschaft – Eichstätter Fachtagung im Rückblick
Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen der Sozialwirtschaft kennenzulernen, interdisziplinär zu diskutieren und im Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis weiterzuentwickeln – dies war das zentrale Anliegen der zweiten Eichstätter Fachtagung Sozialökonomie und Sozialrecht an der Fakultät für Soziale Arbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Wie bereits bei der erfolgreichen Premiere im Jahr 2024 wurde die Tagung von den beiden Juristen Prof. Dr. Thomas Beyer und RA Dr. Joël Münch sowie dem Sozialökonomen Prof. Dr. Jürgen Zerth initiiert.
Die zweitägige Veranstaltung setzte drei thematische Schwerpunkte: die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), Digital Streetwork sowie Entwicklungen von Quartierskonzepten. Ergänzt wurde das Programm durch einen Spezialworkshop zu den Herausforderungen der Cybersicherheit in der Sozialwirtschaft.
Mit kritischen Blick nach vorne: Umsetzung des BTHG
Welche Entwicklungen lassen sich aus Sicht der Leistungsträger aus den bisherigen Erfahrungen mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes ableiten? Dieser Frage widmete sich Stefanie Krüger, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Bayerischen Bezirketags, in einem einführenden Impulsvortrag aus Perspektive der Leistungsträger. Sie hob die Fortschritte bei der Umsetzung der Personenzentrierung hervor, bewertete jedoch insbesondere die praktische Ausgestaltung der Bedarfsfeststellung differenziert und kritisch.
In zwei anschließenden Workshops wurden diese Fragestellungen vertieft: Zum einen ging es um ein Modellvorhaben zu Leistungsmodulen im Bezirk Mittelfranken, zum anderen um Umsetzungsaspekte der Wirksamkeitsmessung. Dabei wurden die von Stefanie Krüger benannten Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf nachhaltige Finanzierungsstrategien in der Eingliederungshilfe, deutlich sichtbar.
Workshops zu Digital Streetwork sowie zu Quartierskonzepten der Pflege
Zwei weitere Workshoprunden widmeten sich innovativen Ansätzen sozialräumlicher Sozialarbeit. Im Fokus standen zum einen aktuelle Entwicklungen im Bereich Digital Streetwork, zum anderen Umsetzungsstrategien von Quartierskonzepten im Spannungsfeld zwischen individuellen Pflegebedarfen und sozialräumlich getragenen, bürgerschaftlichen Sorgearrangements.
Die Diskussion zu Digital Streetwork machte unter anderem deutlich, dass Kompetenzvermittlung in der Sozialen Arbeit zunehmend neu gedacht werden muss – auch mit Blick auf die Weiterentwicklung der Curricula sozialarbeiterischer Studiengänge.
Sozialwirtschaft zwischen Kooperation, Wettbewerb und Gemeinwohlorientierung
Praxisbeispiele zum Quartiersmanagement in städtischen und ländlichen Kontexten unterstrichen die Bedeutung eines „hybriden“ Denkens in der Sozialwirtschaft. Sozialträger agieren heute vielfach zugleich kooperativ und wettbewerblich, gemeinwohlorientiert und eigeninteressiert. Diese Mehrdimensionalität stellt besondere Anforderungen an strategische Steuerung und Innovation.
Der Vortrag von Prof. Dr. Werner Schönig (Katho Köln) zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages griff diese Überlegungen auf. Er beleuchtete die Bedeutung, aber auch die Grenzen der Übertragbarkeit klassischer ökonomischer Konzepte wie Geschäftsmodelle und Marktbearbeitungsstrategien auf Sozialträger in den Quasi-Märkten der Sozialwirtschaft. Gerade dadurch wurden die spezifischen Herausforderungen deutlich, vor denen gelingende Innovationsstrategien in der Sozialwirtschaft stehen.
Wirkungsorientierung braucht vergleichbare Maßstäbe
Einen besonderen Akzent setzte das Kamingespräch am ersten Abend. Rolf Baumann, Geschäftsführer Ökonomie des VdDD, plädierte eindrücklich dafür, sozialinvestive Strategien in anstehenden Reformprozessen deutlich stärker zu berücksichtigen. In den aktuellen Reformdebatten müsse die Sozialwirtschaft ihre Bedeutung mit belastbaren Argumenten unterstreichen und wirkungsorientierte Strategien nicht nur einfordern, sondern auch konsequent umsetzen.
Um Wirkungen sowie Kosten-Effektivität belastbar bewerten zu können, sei – so Baumann – ein grundlegendes Umdenken erforderlich. Notwendig sei eine bundesweite Strategie mit standardisierten Outcome- und Wirksamkeitsmaßstäben, in den vielfältigen Feldern der Sozialwirtschaft.
Versorgungsforschung als verbindende Perspektive
Die abschließende Diskussion richtete den Blick auf die Weiterentwicklung von Care-Strukturen durch eine produktive Verbindung von Versorgungsforschung, Ökonomie und Sozialrecht. Anhand von Projektbeispielen aus der Fakultät für Soziale Arbeit der KU Eichstätt-Ingolstadt wurde deutlich, wie wichtig es ist, Strategien der Versorgungsforschung mit anwendungsbezogener Evidenzumsetzung zu verknüpfen und als verbindende Klammer über die verschiedenen Felder der Sozialwirtschaft hinweg zu verstehen.
Prof. Dr. Jürgen Zerth (links im Bild) hat an der Fakultät für Soziale Arbeit der KU Eichstätt die Professur für Management in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens inne. Auf dem Foto ist er im Gespräch mit Rolf Baumann vom Verband der diakonischen Dienstgeber. Foto: KU Eichstätt